Im Laufe ihres Lebens haben über 90% der Menschen mindestens einmal über Kopfschmerzen geklagt. Dabei tritt Migräne bei bis zu 6 % der Männer und 18 % der Frauen auf. Durch die Art und Schwere der Symptome und Begleitsymptome kommt es bei der Migräne oft zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Alltagsaktivität. Eine italienische Forschungsgruppe der Universität Turin hat jetzt zeigen können, dass mit der Ohrakupunktur eine einfache, schnelle und medikamentenfreie Möglichkeit der Migränebehandlung zur Verfügung steht.
Kopfschmerzen sind ein häufig geklagtes Symptom in der Bevölkerung. Insbesondere stellt die Zunahme von Kopfschmerzen im Kindesalter eine bedenkliche Entwicklung dar. Bis zu 80% der Kinder im letzten Grundschuljahr klagen über Kopfschmerzen, davon sind bei ca. 12% der Kinder die Symptome mit einer Migräne vereinbar. Die Migräne tritt mit 10% Prävalenz in der Gesamtbevölkerung (Frauen 18%, Männer 6%) auf. Die direkten Gesundheitskosten werden auf ca. 500 Mio. Euro jährlich geschätzt und die indirekten (z. B. Arbeitsausfall) auf ca. 5 Milliarden Euro.
Wir unterscheiden den primären Kopfschmerz, der im Wesentlichen die Migräne und den episodischen Spannungskopfschmerz umfasst, von dem sekundären Kopfschmerz, der als Begleitsymptom anderer Grunderkrankungen (z. B. grippale Infekte) auftritt. Bei der Migräne, die den neurologischen Erkrankungen zuzuordnen ist, klagen die Patienten über einen anfallartig auftretenden, pulsierenden, halbseitigen Kopfschmerz, der mit Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit einhergehen kann. Einige Patienten berichten über eine Aura in Form von visuellen und sensorischen Wahrnehmungsstörungen, die dem eigentlichen Kopfschmerzanfall vorausgehen.
Zur Behandlung der Migräne stehen Nichtopioid-Analgetika, Triptane, Mutterkornalkaloide und Antiemetika zur Verfügung, während in der Prophylaxe hauptsächlich Betablocker, Calciumantagonisten und Antiepileptika zum Einsatz kommen.
Unter den nicht-medikamentösen Verfahren stellt die Akupunktur sicherlich das Bedeutendste dar. Der rasche Wirkeintritt – oft nur wenige Minuten – und der differenzierte Einsatz für die Akutbehandlung sowie die Prophylaxe geben dem Arzt ein effektives Instrument an die Hand, um rasch und medikamentenfrei behandeln zu können.
Italienische Forscher um G. Allais vom Kopfschmerzzentrum der Abteilung für Gynäkologie der Universität Turin haben den Einsatz der Very-point-Technik zum Auffinden der wirksamen Ohrpunkte an 15 Frauen untersucht. Die Patientinnen litten unter einem akuten Anfall von halbseitiger Migräne ohne Aura.
Es ist bekannt, dass sich aktive Ohrpunkte u.a. durch eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit auszeichnen. Bei der Very-point-Technik kann mit Hilfe einer Nadel und/oder einem Drucktaster die Ohroberfläche auf schmerzempfindliche Zonen hin abgetastet werden. Die Forscher fanden bei den erkrankten Frauen am ipsilateralen Ohr regelmäßig drei Zonen: (1) Bereich der Innenseite des Antitragus,(2) des vorderen Lobulus und (3) der Hemichoncha superior. Die Zonen entsprechen dem Punkt des Thalamus (1), den Hirnnerven I/II (2) und der Gallenblasenregion (3) nach Nogier/Bahr. Außerdem fanden sich bei einzelnen Patienten Zonen, die dem Augenpunkt und dem Atlantoocciptalgelenk entsprechen.
Die gefundenen Punkte wurden mit einer Dauernadel versorgt. Nach 15 (T1), 30 (T2), 60 (T3), 120 (T4)min und 24 Stunden (T5) wurde anhand einer VAS-Skala die Schmerzstärke beurteilt. Folgende Werte wurden gemessen: 7.6 ± 1.6 (T0), 4.3 ± 1.7 (T1), 4.1 ± 1.9 (T2), 3.9 ± 1.8 (T3), 3.4 ± 1.8 (T4), 2.3 ± 1.6 (T5). Es zeigte sich bereits in den ersten 15 Minuten (T1) eine deutliche Schmerzreduktion, die sich in den folgenden 24 Stunden weiter ausbaute.
Diese Studie zeigt sehr eindrucksvoll, dass die Ohrakupunktur mit ihrem Gedanken der Somatotropie eine schnelle und effektive Möglichkeit der Migränebehandlung darstellt. Dabei können schon mit einfachen Mitteln (Drucktaster, Nadel) die aktiven Ohrpunkte bestimmt und behandelt werden.
Der zunehmende Einsatz von Medikamenten bei chronischen Erkrankungen erhöht auch die Notwendigkeit des Einsatzes nicht-medikamentöser Therapieverfahren wie der Akupunktur, um eine Entlastung der Transportproteine des Blutes und der Entgiftungsfunktion von Leber und Nieren zu erreichen.
Der Autor Dr. med. Bernd Ramme ist 2. Vorsitzender der Deutschen Akademie für Akupunktur | DAA e. V.
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