Sensation aus der Steinzeit — Ötzi wurde akupunktiert!

GRAZ/BOZEN - Nachdem Ötzi, der Mann aus dem Eis, jahrelang nach allen Regeln der Kunst untersucht worden war, machten Forscher nun eine sensationelle Entdeckung: Ötzi ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu therapeutischen Zwecken akupunktiert worden!

Damit verschiebt sich das Bild der vorgeschichtlichen Medizin in Mitteleuropa, und auch die Annahme, die Akupunktur sei in China erfunden worden, muß möglicherweise revidiert werden.

Begonnen hat die Sache im Juni 1998, als Dr. Frank Bahr, der Präsident der Deutschen Akademie für Akupunktur und Aurikulomedizin, das Buch "Der Mann im Eis" von Univ.-Prof. Dr. Konrad Spindler aus Innsbruck studierte. Darin stellt der Urgeschichtler Spindler unter anderem ausführlich die Tätowierungen an Rücken und Beinen des Steinzeitmenschen dar.

Dabei fiel Dr. Bahr auf, daß diese Tätowierungen fast alle genau auf klassischen Akupunkturpunkten liegen. Und mehr als das: Die Auswahl der Punkte stimmte mit den Röntgenbefunden überein, denn schon knapp nach der Entdeckung der mumifizierten Leiche hatte man festgestellt, daß der etwa im Alter von 45 Jahren verstorbene Mann Abnützungen an der Wirbelsäule und den großen Beingelenken hatte.

Die Punkte ergeben Sinn

Dr. Bahr bat nun Dr. Leopold Dorfer, den Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Kontrollierte Akupunktur, dieser Sache nachzugehen. Mit Hilfe von Österreichischen und Südtiroler Wissenschaftlern erhielt Dr. Dorfer Gelegenheit, den Eismann selbst zu untersuchen und genaue Photos aller Tätowierungen anzufertigen. Das Bild vervollständigte sich. Dr. Dorfer: "Die Auswahl der Punkte ergibt auch aus heutiger Sicht noch Sinn. Bis heute verwendet man etwa Punkte auf dem Blasenmeridian bei Rückenschmerzen. Und neun der 15 Strichgruppen, aus denen die Tätowierungen bestehen, liegen auf diesem Meridian."

Arztbrief aus der Steinzeit

Aber Ötzi hatte noch andere Beschwerden: Darmparasiten. Man konnte in seinem Darm Larven des Peitschenwurms (Trichuris trichiura) nachweisen. Und tatsächlich liegen die meisten anderen Tattoos auf Punkten oder Meridianen, die mit dem Verdauungstrakt zu tun haben. "Für den modernen Akupunkteur liest sich die Analyse dieser Tätowierungen wie ein Arztbrief aus der Steinzeit!", meint Dr. Dorfer begeistert.

Und manche Punkte, die beim Eismann tätowiert wurden, haben sogar eine Doppelfunktion: Sie wirken auf die Wirbelsäule und auf den Verdauungstrakt. Dr.Dorfer und Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser, Insitut für Physiologie, Graz, haben diese Entdeckungen auch in der renommierten Zeitschrift "Science" veröffentlicht.

Die Punktekombination deutet noch eine weitere Absicht an: den Eismann widerstandsfähig gegen Kälte zu machen, eine Eigenschaft, die er zweifellos gut brauchen konnte. "Dazu kennt die Akupunktur zwei besonders wirkungsvolle Punkte: Blase 23 und Niere 7. Exakt diese Punkte wurden beim Eismann durch Tätowierungen stimuliert. Damit kann eine konstitutionelle Therapie von rheumatischen Gelenks- und Knochenschmerzen und eine höhere Widerstandskraft gegenüber Kälteeinfluß erzielt werden.", erklärt der Akupunkteur Dr. Dorfer.

Therapeutische Tätowierung...

Natürlich erhebt sich die Frage, ob die Tattoos nicht doch nur ornamentalen Charakter hatten. In vielen Kulturen sind Tätowierungen in therapeutischer Absicht üblich, so etwa in weiten Gebieten Asiens zwischen dem Schwarzen Meer und der Mongolei, in Tibet, aber auch bei afrikanischen Naturvölkern.

...keine Seltenheit

Sogar in Südtirol gibt es in der alten Volksmedizin noch Hinweise auf derartige Gebräuche. "Therapeutische Tätowierungen unterscheiden sich von rein ornamentalen Schmuck-Tätowierungen durch zwei entscheidende Merkmale", erläutert Fr. Univ.-Prof. Dr. Renate Rolle, Hamburg.

"Die therapeutischen Tätowierungen sind immer sehr einfach in ihrer Art, und sie liegen an Körperstellen, die üblicherweise von Kleidung bedeckt sind." Genau das trifft auch auf Ötzis Tattons zu.

Dann stellt sich noch die Frage, warum denn tätowiert und nicht einfach gestochen wurde? Zwei Gründe lassen sich vermuten: Einerseits wollte man vielleicht einen länger anhaltenden Effekt erzielen, indem man Asche oder dergleichen in die frischen Wunden einbrachte. Und andererseits diente das Tattoo wohl auch einfach der Wiedererkennung der Punkte. Es ist leicht vorstellbar, daß heilkundige Personen 3200 vor Christus nicht gerade leicht zu finden waren. Waren die Punkte einmal gekennzeichnet, so konnte sich Ötzi dann auch von weniger heilkundigen Verwandten weiterbehandeln lassen.

Eine "altösterreichische" Therapie?

Dr. Dorfer faßt zusammen: "Nach diesen Entdeckungen müssen wir die Ursprünge der Akupunktur bis weit ins vierte Jahrtausend vor Christus rückdatieren. Außerdem muß der frühesten mitteleuropäischen Medizin im internationalen Vergleich zukünftig ein höherer Entwicklungsgrad eingeräumt werden.

Zu revidieren ist vermutlich die bis dato gängige Vorstellung, daß die Akupunktur ausschließlich im fernen Orient entwickelt wurde und in unserem Kulturkreis keine entsprechenden Therapieformen vorhanden waren. Es kann sogar angenommen werden, daß Ursprünge der Akupunktur aus Mitteleuropa stammen oder sich im gesamten euroasiatischen Raum entwickelt haben. Die Akupunktur ist somit keine altchinesische, sondern möglicherweise eine "altösterreichische Therapieform!"

Die Akupunkturpunkte "Blase 23" und "Niere 7" sollten den Eismann widerstandsfähig gegen Kälte machen, eine Eigenschaft, die er zweifelsohne gut gebrauchen konnte.

Medical Tribune
vom 20. Nov. 1998


 
 
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